Theorien zur Berufswahl: Hintergrundwissen

Vielen Verfahren und Tests zur Berufsorientierung und Berufswahl, die heute zum Einsatz kommen, liegen bestimmte theoretische Annahmen zugrunde. Auch Berufsberater/innen haben häufig spezifische Vorstellungen davon, wie und wann der Berufswahlprozess abläuft und wie sie ihre Klient/innen dabei unterstützen können. In der Regel liegt auch diesen Vorstellungen eine oder mehrere Berufswahltheorien zugrunde. Im folgenden wollen wir einige Theorien zur Berufswahl kurz vorstellen:

Theorie zur Berufswahl: Der Matching-Ansatz

Die Theorie des Matching-Ansatzes geht davon aus, dass die Berufswahl ein bewusst-rationaler Vorgang ist, in dem der Berufswähler versucht, den Beruf zu ergreifen, der am besten zum individuellen Persönlichkeitsmuster passt. Die Berufswahl ist also lösbar durch die "richtige" Zuordnung von Persönlichkeitsstruktur zur Anforderungsstruktur.

Handlungsansätze, denen der Matchings-Ansatz zugrunde liegt sind zum Beispiel:

  • Eignungstests
  • Leistungstest
  • Neigungsanalysen

Der Matching Ansatz zu Berufswahl und seine diagnostischen Verfahren finden heute vor allem Anwendung:

  • in der Berufsberatung der Arbeitsagentur (psychologischer Dienst)
  • als Online-Angebote
  • als ausführliche Neigungs- und Leistungstests, z.B. Geva-Test-Reihe
  • in Form einer praktischen Fähigkeitserprobung in der Schule bzw. einer Maßnahme der Berufsvorbereitung

Theorie zur Berufswahl: Tiefenpsychologischer Ansatz

Eine weitere Theorie zur Berufswahl ist der Tiefenpsychologische Ansatz.

Die Kernannahme des tiefenpsychologischen Ansatzes lautet:

Triebimpulse werden durch Sublimierung auf andere Bereiche z. B. den Beruf verschoben.

Die tiefenpsychologische Theorie wirkt sich vor allem auf die Haltung der Berater/innen aus:

Berufsberater, die ihrer Arbeit tiefenpsychologische Persönlichkeitsmodelle zugrunde legen, machen sich kaum Illusionen über die Wirkung ihrer Beratungsleistung.

Dem Beratenden ist klar, dass es für den Ratsuchenden Angst auslösende und verlockende Berufsfelder oder Branchen gibt. Die Präferenz ist bereits determiniert. Die Präferenzen stimmen nicht immer mit dem tatsächlichen Leistungsniveau oder Begabungsfeld überein.

Der Berufsberater versucht in der Beratung, die zugrunde liegenden Bewertungsmuster zu erfassen und im Rahmen dieser die Berufswahloptionen aufzuzeigen.

Er versucht nicht, die Bewertungsmuster des Klienten zu durchbrechen.

Theorie zur Berufswahl: Entwicklungspsychologischer Ansatz

Die entwicklungspsychologische Theorie geht davon aus, dass die Berufswahl ein Entwicklungsprozess ist, in dem verschiedene Stadien mit berufsrelevanten Entscheidungen durchlaufen werden. Ein Vertreter des Entwicklungspsychologischen Ansatzes ist Ginzberg mit seinem Phasenmodell:

Ein Phasenmodell (Ginzberg 1951)

  • Periode der Phantasiewahl (7.-11. Lj)
  • Periode der Probe- bzw. Versuchswahl (11. -17. Lj.)
  • Periode der realistischen Wahl (ab dem 17. Lj.)
  • Explorative Phase
  • Kristallationsphase
  • Spezifikationsphase

Die Entwicklungspsychologische Theorie und ihre Ansätze sind wegen ihrer starken Praxisorientierung für die begleitende Berufsorientierung besonders interessant.

Theorie zur Berufswahl: Faktorentheoretische Ansätze

Faktorentheoretische Theorien und Ansätze versuchen, alle Faktoren, welche die Berufswahl beeinflussen könnten, zu erfassen. Einflussfaktoren auf die Berufswahl sind zum Beispiel:

Exogene Faktoren:

Familie, Schule, Freunde, Bekannte, soziales Umfeld. Zentrale Bedeutung: Elternhaus und Milieu.

Endogene Faktoren:

Berufswahlreife, entwicklungspsychologische Entscheidungsfähigkeit und -sicherheit, somatische Verfassung (v. a. das Geschlecht), Eignung, Neigung und Intelligenz.

Theorie zur Berufswahl: Soziologische Ansätze

Milieutheoretische Theorien und soziologische Ansätze wenden sich vor allem den sozialen Ursachen von Berufswahlverhalten zu. Dabei werden als Umwelt- und Kontextfaktoren definiert:

  • Allgemeine kulturelle und soziale Bedingungen,
  • die jeweilige Wirtschaftslage,
  • die familiären Verhältnisse des Berufsanwärters

Anstatt zu fragen, welcher Beruf zur Persönlichkeit des Jugendlichen passt, sollte man also fragen, welcher Beruf zur Rollenidentität des Jugendlichen passt. Der Einfluss der Familie wird vor allem als Bindung an das soziokulturelle Bezugsmilieu verstanden.

Diese Bindung wirkt als Schicht- und Statuskonstanz der gewählten Berufe.

Weiterbildung Berufswahl

Falls Sie sich für das Thema Berufswahl und die verschiedenen Theorien und Ansätze interessieren und junge Menschen im Berufswahlprozess begleiten möchten, bietet das Institut für Bildungscoaching verschiedene Weiterbildungen an: Neben der Weiterbildung zum Berufswahlcoach und der Weiterbildung zum Berufseinstiegscoach bieten wir ab 2013 auch die Qualifizierung zum/zur Berufsberater/in U25 an.