Kommentar: Die Moralisierung von Schulden in Deutschland

Im Gegensatz zum Englischen oder Französischen kann die deutsche Sprache nicht zwischen moralischer und finanzieller Schuld unterscheiden (guilt/dept oder faute/dette). Vielleicht liegt darin auch ein Grund, warum ökonomische Schulden in Deutschland oft moralisiert werden.

Diese Moralisierung der Schulden findet sich ebenso sehr stark im deutschen Insolvenzrecht wieder. Nach der Erklärung der Insolvenz erfolgt eine Wohlverhaltensperiode, die zwischen drei und sechs Jahren dauert. Hier muss der Schuldner seine Redlichkeit und seinen Durchhaltewillen unter Beweis stellen. Das Insolvenzrecht hat hier kein ökonomisches Ziel, sondern ein rein pädagogisches.
Und auch die Restschuldbefreiung am Ende der Wohlverhaltensperiode bedeutet keine volle Schuldenfreiheit: Die Schulden sind juristisch weiterhin existent und können durch die Schuldnerin oder den Schuldner eingelöst werden. Sie sind aber von den Gläubigern nicht mehr einklagbar.
Wenn man sich als konkretes Beispiel mal einen Einzelhändler anschaut, der aufgrund der Verzögerungen beim Bau des Berliner Flughafens insolvent gegangen ist, wird schnell klar, wie absurd diese Sichtweise in vielen Fällen ist, da sie ja von einem moralischen Fehlverhalten ausgeht.
Diese pädagogisch-moralisierende Einstellung findet sich gleichwohl in vielen Artikeln und Studien zum Thema Schulden. Sicherlich ist es richtig, jungen Menschen in Bildungsangeboten den Umgang mit Geld zu erklären. Aber es greift auch zu kurz, wenn man das Problem als rein erzieherisch-kognitives Defizit darstellt, als wären die jungen Menschen einfach inkompetent im Umgang mit Geld oder als hätten sie eben den falschen Blick und die falsche Moral für den „richtigen Umgang“ mit Geld. Ausgeblendet werden dabei Fragen der Benachteiligung und Chancengleichheit sowie die Anerkennung von Bedürfnissen oder auch einfach die Bewältigung des Alltags.
Konkret formuliert: Hat ein junger Mensch wirklich die falsche Einstellung, wenn er Mobilfunkschulden anhäuft, weil nur die Kommunikation via Mobile ihm die Zugehörigkeit zu seiner Gemeinschaft sichern kann und er keine Möglichkeit findet, Einkommen zu generieren?
Die reine Schuldnerberatung von jungen Menschen ist deshalb immer auch eine Querschnittsaufgabe: Es geht fast immer auch um soziale Handlungsspielräume, Gestaltungsmöglichkeiten und die Möglichkeit einer autonomen Lebensführung.
Guter Hintergrundartikel zum Thema